Pipilotti Rist – immer wieder verliebt in ihren Partner

[…] Wovor fürchten Sie sich noch?
 Dass man mir Eigennutz unterstellt, wenn ich jemandem etwas zuliebe tue. Ich möchte gern immer lieb sein. Obwohl: Vielleicht ist das tatsächlich egoistisch. Denn bezwecke ich damit nicht eigentlich, wiedergeliebt zu werden? Gibt es überhaupt ein reines, selbstloses Liebsein, das ohne jede Absicht aus mir herausströmt?   Eine Situation, in der man nicht umhinkommt, über seinen Schatten zu springen, ist der Beginn einer neuen Liebe.
 O ja, das ist richtig heftig. Vor lauter Angst, zurückgewiesen zu werden, könnte man es vorziehen, gar nicht erst in die Beziehung einzusteigen.   Sie sind also in solchen Momenten nicht besonders mutig?
 Ich fürchte nein. Ich führe eine Liste mit allen Männern, die ich je geküsst habe. Es sind 36, auf den ersten Blick eine beachtliche Zahl. Doch viele Male bin ich wieder abgesprungen, bevor aus dem Küssen eine Beziehung entstehen konnte. Damit bestrafte ich den anderen für meine eigene Angst vor dem Verlassenwerden. Und wenn ich ging, bildete ich mir ein, meine Angst besiegt zu haben. Schwach!   Haben Sie auch Körbe bekommen? Lange Zeit habe ich mir vorgemacht, dass ich so gut wie nie abgelehnt worden sei. Doch dann musste ich mir eingestehen, dass ich es bloss verdrängt hatte. Ich war ein paarmal verliebt, ohne dass etwas daraus geworden ist.   Wie haben Sie Ihren jetzigen Partner Balz Roth rumgekriegt? Ich habe schöne Briefe mit Zeichnungen gebastelt. Die Zähne geputzt und die Pickel abgedeckt.   So billig war er zu haben? Nein, ich musste mehrere Monate scharren, mit welchen Mitteln, weiss ich nicht mehr so genau, es ist ja immerhin elf Jahre her. An den Kampf, den ich mit mir selber führte, erinnere ich mich jedoch noch sehr gut. Ertrage ich die Angst, von Balz verlassen zu werden? Ist es die Beziehung wert, das auszuhalten? Man liefert sich ja bedingungslos aus, macht sich verletzbar.   Der andere kann einen im Prinzip vernichten. Genau. Aber eine Zweierbeziehung ist auch ein Vertrag: Man zeigt sich mit allen Schwächen, und der Partner nützt sie nicht aus.   Die Hälfte der 36 Männer auf Ihrer Liste waren Musiker. Die andere Hälfte hatte wenigstens eine gute Plattensammlung. Welche Eigenschaften muss ein Mann sonst noch mitbringen, um Ihnen zu gefallen? Er sollte Blumen mögen. Er muss über seine eigenen Macken lachen können. Und er darf kein Macho sein, denn das bin ich schon selbst. Das wirft mir Balz manchmal vor, wenn ich zu viel arbeite und ein bisschen autistisch werde. Wir modernen Frauen sind ja leider unersättlich, wir wollen alles, vereint in einem einzigen Mann.   Alles? Was heisst alles? Es soll feinfühlig sein und mir trotzdem im richtigen Moment Paroli bieten. Er soll mir Grenzen setzen, wenn ich zu viel von ihm verlange. Er soll sich klar ausdrücken können und sich von Widerständen nicht irritieren lassen. – Ich kenne einen Mann, der unendlich lieb und unmachoid ist. Er hat aber nie eine Freundin, obwohl ich schon vieles versucht habe.   Aha, Sie sind also eine heimliche Kupplerin. Ja. Neben meiner Kussliste führe ich auch eine Vermittlungsliste, mit deren Hilfe ich Paare zusammenbringe.   Wie erfolgreich sind Sie in diesem Metier? Es hat bisher nur ein einziges Mal geklappt. – Ich verzweifle meist daran, wie sehr sich die Wünsche von Männern und Frauen widersprechen. […] Wie werden Sie als alte Dame sein? Freundlich, tolerant, unaufgeregt – wie Maude aus dem Film «Harold and Maude». (Singt den Titelsong des Films:) If you want to sing out, sing out, if you want to be free, be free …   Und der 18-jährige Liebhaber ist bei diesem Plan mit inbegriffen? Nein, den lasse ich aus. Ich bin immer wieder sehr verliebt in Balz, ich möchte mich nicht mehr anderweitig verlieben. Das absorbiert auch viel zu viel Energie. Mein Leben soll eher in eine meditative Richtung gehen. […] Claudia Senn: Pipilotti Rist, in: annabelle, 08. September 2009. http://www.annabelle.ch/rist

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